Auf Galileis Spuren #02: Endlich geht es los

“Auf Galileis Spuren #02: Endlich geht es los” ist die zweite Folge über mein erstes Erlebnis mit einem sogenannten “Kaufhausteleskop” und gleichzeitig auch mein Einstieg in die Amateurastronomie.
Den ersten Teil findest du hier, weitere Teile werden sicherlich noch folgen.

Es ist Nacht geworden bei uns im Dorf, allzu lange dürfte es ja nicht mehr dauern und ich kann endlich meinen allerersten Blick durchs neuerworbene Teleskop riskieren. Ein bisschen zu hell ist der Himmel aber noch und das obwohl die Sonne schon längst hinterm Horizont verschwunden ist. Ich nutze die restlichen verwirrten Lichtstrahlen der Dämmerung, um mein Trio an Objektiven auf die Halterung zwischen den Teleskopbeinen zu stellen.

Die Vorfreude das erste mal mit dem eigenem Teleskop in den Nachthimmel zu schauen ist groß, meine Ansprüche eher nicht. Glücklicherweise gehöre ich zu der Gattung angehender Astronomienovizen, die genau weiß was auf einem zukommt! Nämlich nicht sehr viel. Planeten sollen farblos, nicht sehr groß und eigentlich nur schemenhaft erkennbar sein. Das aber auch nur dann, wenn man in der Lage ist am Objekt gezielt vorbeischauen zu können. Ein Stern hingegen soll beim Blick durch das Fernrohr einfach nur ein Stern bleiben, er ist einfach zu weit weg. Der Mond wäre für den Anfang zwar ein super Beobachtungsobjekt, hat aber heute Urlaub, genauso wie die sichtbaren Planeten. Wenn ich so darüber nachgrüble, muss ich mich schon sehr wundern das ich heute Abend so etwas wie Vorfreude empfinde. Vermutlich muss man sehr viel an Leidenschaft für den Weltraum mitbringen, um in einer solchen Mond- und Planetenlosen Nacht Richtung Himmel starren zu wollen. Dem Himmel sei Dank gehöre ich zu dieser Gattung Mensch (siehe Folge 1), dass vermute ich zumindest und hoffe das selbst die schlichtesten aller visuellen Eindrücke für genügend Emotion sorgen.

Meine astronomischen Erfahrungen bis zum heutigen Abend? Gar keine! Ich hatte bisher noch keine Sternwarte besucht, noch hatte ich Kontakt mit irgendwelchen verrückten Enthusiasten aus Astronomievereinen. Selbst durch das Dobson Teleskop des Cousins habe ich nur bei Tag einen Blick durchgeworfen. Also ich springe quasi ins astronomisch kalte Wasser und weiß von der Beobachtung im praktischem Sinne rein gar nichts.

Beobachtet wird vom Balkon aus, so ist wenigstens der Kühlschrank und die Kaffeemaschine in unmittelbarer Nähe. Mir ist schon klar, das die beste Nacht im Dorf, nicht der abseits von künstlichen Lichtquellen am Feld gleicht. Aber ich habe einfach keine Ambitionen schwer bepackt wie ein G.I. durch landwirtschaftliche Anbauflächen zu streifen, nur um am Ende einer dreißigminütigen Wanderung (oder mehr), irgendwo im Niemandsland meine Ausrüstung aufbauen zu können. Zumindest noch nicht. Heute Nacht steht das Teleskop samt Montierung fest auf dem WPC-Boden unseres Balkons, vielleicht 30 Sekunden von einer echten Toilette entfernt.

“Montierung!!!”, auch so ein Wort über das ich in den letzten Tagen gestolpert bin. Von denen gab es einige, wie Apochromat, Brennweite, Öffnung, azimutale und parallaktische Montierung, Transmission, Kollimation, Seeing und Obstruktion! Wörter die mich beinahe daran zweifeln ließen, ob das Hobby Astronomie überhaupt etwas für den normalen “Volksschüler” ist. Es gab Momente in den letzten 24 Stunden, bei denen ich wirklich daran gezweifelt habe, ob das “Zwei-Flaschen-Bier-Teleskop” wirklich ein so gutes Schnäppchen war. Heute Abend bin ich aber froh diesen “Tausch” gemacht zu haben, auch wenn die letzten Stunden sehr chaotisch waren.

Einen Tag zuvor

Ich bin auf den Weg nach Hause. Hinten auf der Rücksitzbank haben, wie in Folge 1 schon erzählt, zwei Flaschen Bier ihren Platz gegen ein recht beachtliches Teleskop getauscht. Zuhause angekommen wird die Ware zum ersten mal etwas genauer inspiziert. Hey, es waren zwei Flaschen Bier, da nimmt man das Teleskop einfach mit und kontrolliert nicht noch alles minutenlang auf Schäden. Ich wüsste nicht einmal nach was ich da schauen sollte! Teleskope kenne ich nur aus dem Katalog oder Internet und da nur als Foto. In Natura habe ich noch keines gesehen, zumindest nicht aus der unmittelbaren Nähe.

Da ist es also, mein Teleskop mit der Aufschrift “Bresser Classic-Line” und den Angaben “Linsenteleskop F=900, D=70”. Keine Ahnung ob das jetzt gut ist oder nicht. Vermutlich eher nicht, sonst hätte ich mehr als zwei Bier ausgeben müssen. Aus meiner sehr laienhaften Sicht heraus ist das aber ein mords Teleskop, welches auf einem beachtlichen stabilen Dreibein steht.

Ich kann das Teleskop horizontal im Kreis bewegen und vertikal hoch und runter. Ein paar Flügelschrauben können das ganze dann in der gewünschten Position fixieren. So weit ganz einfach. Relativ eindeutig ist auch die Funktion des aufgeschraubten Visiers. Ich gucke durch, bewege das Teleskop bis ich das gewünschte Objekt darin sehe und kann dann einen Blick durchs Teleskop wagen. Bisher alles ganz Easy! Aber für was zum Geier ist der silberne Stab mit Gewinde und der angebrachte Drehmutter? Ich sehe schon, ich muss eine kurzen Ausflug in das WorldWideWeb unternehmen und mir ein bisschen was über die Grundtechniken des “Teleskopschauens” informieren. Kann ja nicht allzu lange dauern.

…fünf Stunden später…

Mir qualmt der Kopf. Ich stelle als Neueinsteiger immer ungern Fragen in Foren. Ist eh meist die gleiche Leier und man bekommt eh meist die gleichen Antworten: “Benutze die Suchfunktion“, “kennst du Google” oder der Klassiker “kauf dir ein passendes Buch und frag dann nochmal“. Aus diesem Grund vermeide ich als Neuling Anfängerfragen jeglicher Art oder verpacke diese lieber in eine Art Erlebniserzählung in der hier und da mal so etwas wie eine Frage vorkommt.

Diesmal habe ich mir aber tatsächlich die Arbeit gemacht und viele Forenbeiträge durchgelesen. Das kann für einen Quereinsteiger aber auch zur Odyssee werden, da man sich verschiedene Themen erst zusammensuchen muss und so von einem Thread zum nächsten kommt. Das eigentliche Anliegen, wegen dem man eigentlich nachschauen wollte, verschwindet immer weiter in den Hintergrund. Zwischendurch war ich der Auffassung das Astronomie-Einsteigerforum verlassen zu haben und beim Studienkurs für Quantenoptik gelandet zu sein. Es gab dermaßen viel Input, dass ich daran gezweifelt habe jemals Spaß an der Astronomie zu finden. Glücklicherweise gab es da den einen Typen in einem Forumsbeitrag, der mir die Last des exotisch Unbekannten nahm und sinngemäß folgenden Satz wiedergab:

Einfach mal drauf los machen, ein bisschen versuchen und gefallen daran finden. Galileo hat mit viel weniger das Sonnensystem erkundet.

Wenn ich also eines in den letzten fünf Stunden Internet gelernt habe, dann das ich zu Anfang auf keinen Fall allzu wissenschaftlich an das Hobby herangehe und lieber kleine “Babyschritte” unternehme.

Zumindest weiß ich jetzt für was das seltsame Eisen-Gewinde-Ding am Teleskop ist. Das ist die Feinjustage für die Höhenverstellung. Hätte ich mir auch denken können. Außerdem heißt das Visier nicht Visier, sonder Sucher und möchte auf jeden Fall vorher am Teleskop ausgerichtet werden. Das wiederum wäre ja beinahe einen eigenen Beitrag wert, denn so einfach ist das nicht mit den drei Rändelschrauben und der spiegelverkehrten Sicht. Irgendwie habe ich das dann doch hinbekommen und das Teleskop ist endlich soweit vorbereitet.

12 Stunden zuvor

Es ist Mittagspause und die beste Zeit mich mit meiner “Sky-Map-App” zu beschäftigen. Irgendwie muss ich mich ja heute Abend orientieren und eine “neuzeitliche Himmelsscheibe von Nebra” (drehbare Sternkarte) erscheint mir noch zu kompliziert. Diese würde mich dann doch nur vom wesentlichen ablenken, aber was ist heute Abend eigentlich das Wesentliche? Diese Frage habe ich mir schon ein paar mal in letzter Zeit gestellt und um ehrlich zu sein, ich habe keine befriedigende Antwort für mich gefunden. Ich habe keine Vorstellung davon, was mich heute Abend erwarten wird. Ok, ich schau mir den Sternenhimmel an, aber ich weiß ja noch nicht einmal nach was.

Meine App hat mir gesagt das es heute Nacht keine Planeten zu beobachten gibt und auch der Mond wird heute nicht zu sehen sein. Das soll zwar einerseits ganz gut sein, da der Mond dermaßen hell ist und die anderen Objekte überstrahlt, andererseits aber auch doof, da das für den Einstieg einfachste Himmelsobjekt nicht betrachtet werden kann. Sternhaufen, Galaxien und Gasnebel kann ich mir abschminken, dazu ist meine Ausrüstung zu schwach, habe ich mir sagen lassen.

Dann eben nur Sterne, also kleine weiße Punkte die durch das Teleskop wie nicht ganz so kleine weiße Punkte aussehen. Das klingt eigentlich nicht sehr vielversprechend und dennoch spüre ich absurderweise eine Nervosität in mir, die der eines Kleinkindes zu Weihnachten nahe kommt.

Zurück in die Gegenwart

Es ist soweit, die Dämmerung ist beinahe abgeschlossen und der Sternenhimmel demonstriert sein nächtliches Schauspiel. Zwar etwas elender als an seinen ganz guten Nächten, aber immer noch gut genug um mein Teleskop, beziehungsweise meinem Smartphone zu benutzen. Mit dem drehe ich mich nämlich gerade im Kreis, in der Hoffnung darin irgendetwas von Bedeutung zu finden.

Arktur, ein roter Riese. Na gut, einen Riesen habe ich mir zwar anders vorgestellt, aber egal, den knöpfen wir uns jetzt vor. Mit “Wir” ist natürlich mein Teleskop und ich gemeint. Also einmal hingekniet, anders ist der Blick durch den Sucher nicht möglich und das Rohr langsam in Richtung Roter Riese geschwenkt. Irgendwie musste ich dabei schmunzeln. Mit der Drehbewegung und dem sich bewegenden Fadenkreuz ist der Vergleich mit einem U-Boot Kanonier einfach zu frappierend um ignoriert zu werden. Ich glaube ich habe sogar das “Bubb-bub” Geräusch beim schwenken nachgeahmt, würde mir zumindest sehr ähnlich sehen.

Da ist er ja, zwar nicht wirklich riesig und auch nicht rot, aber doch größer als der Rest drumherum. So, das müsste passen! Zumindest ist das Fadenkreuz genau auf den roten Riesen ausgerichtet. Jetzt nur noch alle Halteschrauben am Teleskop festziehen und es kann losgehen. Vorsichtshalber werfe ich nochmals einen letzten Blick durch den Sucher. Arktus ist weg! Also er ist schon noch da, aber nicht mehr genau in der Mitte. Irgendwie hat sich das Teleskop beim arretieren leicht verstellt und Arktur, der rote Riese, ist nach unten weggerutscht. Dabei habe ich mir echt mühe gegeben und so wenig wie möglich am Teleskop gewackelt. Ok, dann muss ich halt etwas darüber anvisieren und dann erst arretieren. Gedacht, getan und siehe da, “Arktur” ist so gut wie mittig. Jetzt kann ich ja endlich einen ersten Blick unter echten realen Bedienungen durch das Teleskop werfen, bin gespannt was ich da zu sehen bekomme.

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