M81: Meine erste Erfahrung in der visuellen Beobachtung

Man mag es kaum glauben, aber in meiner unheimlich langen Karriere als Amateurastronom (nicht mal ganz ein Jahr), kam es zu noch keiner Nacht in der ich visuell beobachtet habe. Was Rückblickend doch sehr seltsam erscheint. Immerhin sollte der normale Werdegang eines Sternenguckers ja mit dem betrachten selbigen anfangen. Seit meinem ersten zaghaften Fotoversuchen mit dem Smartphone, bin ich aber irgendwie bei so etwas ähnlichem wie der Fotografie hängen geblieben, aber auch wieder nicht so wirklich. Es war mehr so ein abrutschen, mehr so ein „Hauptsache du kannst am nächsten Tag etwas vorweisen“ Ding.

Es gab zwar schon die ein oder andere Nacht in der ich darüber nachdachte, aber dann wurde doch wieder die Sony Knipse ausgepackt. Wie ein Junkie, immer darauf bedacht auch am nächsten Tag etwas der Familie und Kollegen vorweisen zu können. Würde ich jetzt rein visuell die Nacht verbringen, könnte ich ja nur aus meiner Erinnerung erzählen und ich glaube so etwas interessiert niemanden. Also dann doch lieber schlecht fotografieren als „wichtig“ daher zu labern.

Die Kehrtwendung

Dieser Umstand änderte sich aber durch einen kleinen Tweet auf Twitter, genauer gesagt auf dem Twitter Account „AstronomiechallengeAG„. Angestachelt durch die kurze Erlebniserzählung der visuellen Beobachtung von NGC 4565, wollte ich es dann doch wissen! Tauge ich eigentlich zu einem visuellen Amateur Astronom?

Ich wohne am Rand eines Dorfes. Die nächste Kleinstadt mit ca. 10.000 Einwohner ist rund 4 Kilometer entfernt und die nächste Großstadt gut 40 Kilometer. Die Nächte bei uns können sehr dunkel werden, vor allem auf der Seite unseres Grundstückes, an dem auch mein Teleskop aufgebaut ist. Na gut, hier und da stört ein vorbeifahrendes Auto oder aber das einzige im Blickfeld befindliche Fenster des Nachbars, aber astronomisch gesehen lebe ich in einem Bereich Deutschlands der ganz Okay ist.

Sicher ist Sicher

Da ich ja schon öfters den Entschluss gefasst hatte mit meinem 14 Zöller visuell auf Erkundungstour zu gehen, aber es letztendlich immer an meinem „ich muss fotografieren was ich sehe“ Obsessionen scheiterte, habe ich im Vorhinein alles entfernt und beiseite geräumt was in irgendeiner Form mein Verlangen diesbezüglich fördern könnte. Selbst das 50mm Guidingscope, und mein selbstgebastelter Astronomie-Arbeitstisch, wurden sicherheitshalber abmontiert und verräumt. Nichts, rein gar nichts durfte mich in irgendeiner Form wieder auf die Seite der Astrofotografie leiten.

Vorbereitet habe ich mich natürlich Null! Wie es sich für einen echten Anfänger gehört, hatte ich nichts dabei außer meinem Meade und ein paar Okulare. Halt! Eines habe ich seit meiner ersten Nacht auch immer dabei, meine Stirnlampe. Was ich im Vorfeld dennoch erledigt habe, war einen Blick in den „Deep Sky Reiseführer“ (Link) zu werfen. Diesen besitze ich tatsächlich seit meiner ersten Woche, aber so richtige reingelesen habe ich mich noch nie. Hauptsache mal haben. Das gehört einfach zu jeder guten Sammlung, wie damals der Brockhaus.

Dabei hat der Deep Sky Reiseführer für einen visuellen Genießer einen gewaltigen Nutzeffekt! Im Gegensatz zu den sonstigen digitalen Himmelsführen, gibt es in dem Wälzer von Ronald Stoyan keine echten Fotografien. Der Autor ist tunlichst darauf bedacht in seinem Buch nur das zu zeigen, was man auch tatsächlich sehen kann. Aus diesem Grund gibt es nur handgezeichnete Bilder von Galaxien, Sternhaufen, Nebeln und anderen Objekten.
Für die Wintermonate, zu denen der März ja noch gehört, ist einer seiner Favoriten ganz klar die M81 Galaxie. Für mich stand also fest das ich genau dieser Galaxie heute Abend einen Besuch abstatten werde. Anschließend wurde das Buch wieder zugeklappt, denn was ich auf keinen Fall riskieren wollte, war eine wilde Tour durch den Himmel. Für heute also nur ein Objekt, dass war meine Maxime!

Der zum gleichen Zeitpunkt gekauften „Deep Sky Reiseatlas“ (Link) wurde hingegen keines Blickes gewürdigt. Wer über eine Goto Einrichtung verfügt, muss keine Zeit mit lästigem Suchen verbringen. „Langweilig!!!“, wird sich jetzt der ein oder andere denken. Ich persönlich liebe aber diese kleine Spielerei. Wobei ich den Reiz an Starhopping schon verstehen kann. Als sportlicher Anreiz ist diese Disziplin sicherlich super, für mich hier und heute eher Kontraproduktiv. Ich wollte so schnell wie möglich mit dem Beobachten beginnen, zumal mein Befinden nicht das beste an diesem Abend war.

Dazu sollte ich kurz erklären das es März ist und als Handwerker sind die ersten Monate im Jahr meist eine Tortur für das Immunsystem. Man wechselt immer wieder zwischen gefühlt Plus 40° Innenbereich zu Minus 20° Außenbereich. Innen schwitz man und außen, naja ihr könnt es euch schon denken. Deshalb gibt es immer wieder Phasen in denen ich mich zwar nicht wirklich krank fühle, aber auch nicht wirklich „Bumbalas Gsund“ (fränkisch für sehr gesund). Ich wusste das es nichts schlimmes ist, dass mache ich jedes Jahr irgendwie mit, aber es ist dann doch eher so ein Abend an dem ich lieber ein heißes Bad nehmen sollte, anstatt irgendwelche nächtlichen Unternehmungen im Freien. Allerdings ist das so ein Krux mit dem Hobby Astronomie. Klare Nächte sind rar und man muss sie nehmen wie sie kommen, egal wie man sich fühlt.

Es ist 19 Uhr und mittlerweile schon relativ düster. Nachdem sich die Goto Einrichtung soweit automatisch kalibriert hatte, wurde auch schon M81 als Objekt ausgewählt. Zielsicher bewegte sich die Öffnung des Teleskops in Richtung der auserwählten Galaxie. Mit meinem 20mm 100° Okular (ca. 178 fache Vergrößerung) war sofort ein deutlicher grauer Fleck im Zentrum des Okulars zu sehen. Super, dachte ich mir. Wenn ich jetzt schon die Galaxie erkennen kann, dann kann der heutige Abend ja nur super werden!

Unerwartete Störenfriede

Allerdings änderte sich in den nächsten Minuten nicht wirklich viel beim Betrachten von M81. Zwischendurch wechselte ich zwar immer wieder zwischen dem „TS 20mm 100°“ Okular und dem Baader 32mm Plössl, bzw. 18mm Ortho, aber richtige Strukturen oder gar Arme konnte ich nicht erkennen.

Sicherlich, ein riesiger störender Faktor bei meiner Beobachtung war mein Nachbar. Ich verstehe mich echt super mit ihm, aber in dieser Nacht muss er irgendwie Verdauungsprobleme gehabt haben! Wie gesagt, es gibt nicht viele Fenster die mich beim beobachten stören könnten, aber das Klofenster eben schon! Vielleicht sollte ich mal bei ihm klingeln. Es kann ja nicht schaden ihm zu erklären das es auch reicht sich nur einmal zu erleichtern und nicht zwanzigmal!

Bei der Gelegenheit habe ich mir gleich selber zu der grandiosen Idee eines Bewegungsmelders gratuliert! Das doofe Ding liegt genau in meiner Blickrichtung und blendet mich jedesmal wenn einer vorbeiläuft! Und überhaupt, wieso müssen Hundebesitzer mitten in der Nacht (Anm. 19:30 Uhr) zum Gassi gehen bei mir vorbeilaufen? Können die Hunde nicht Tagsüber zum kacken raus?

Wie einfach doch diesbezüglich die Astrofotografie ist, zumindest solange alles funktioniert. Bei mir werden die Gerätschaften einfach nur ausgerichtet und der Rest wird von der Technik übernommen. PHD sorgt für die Nachführung und die Serienaufnahme der Kamera knipst unentwegt in einem vordefinierten Maß Fotos. Na gut, die Vorarbeit ist vielleicht ein bisschen komplizierter, aber im Grunde genommen ist nach der ersten halben Stunde die Arbeit erledigt.
Erfahren darf darüber natürlich niemand, schon gar nicht aus der Familie. Ich gehe nämlich alle 10 Minuten mit angestrengter Miene zum Monitor und verschiebe wild irgendwelche Fenster und klicke mich chaotisch durch Informationen. PHD hat diesbezüglich ja einiges zu bieten und das Kabel Wirrwarr tut ihr übriges und das alles nur um dem Schein der Komplexität zu wahren.

Ich will die Astrofotografie nicht schmälern, ganz im Gegenteil. Die eigentliche Arbeit beginnt aber erst am nächsten Tag, wenn damit begonnen wird in einer drakonischen Unternehmung aus den vielen Bildern möglichst ein ansehnlich Einzelbild zu kreieren. Die eigentliche Fotografie, also das Bilder machen selber, könnte genauso Tagsüber stattfinden oder im Rampenlicht von Nachbars Schei..hausfenster.

Glücklicherweise habe ich im Verlauf der Beobachtung eine Technik entdeckt, die mir beim studieren der Galaxie trotz blendendem Kunstlicht unter die Arme griff. Meine Kapuze! Die Nächte sind kühl, sehr kühl und eine dicke Winterjacke daher Pflicht. Meine verfügt glücklicherweise über eine ausladende Kapuze und diese ist perfekt um für Abschattung zu sorgen. Einmal über meinem Kopf und das Okular geworfen, unten etwas zugehalten, und schon wird angenehm finster in der Beobachtungszentrale.

Das eine Problem wurde zwar gelöst, aber das nächstes wartet schon und das betrifft dem Zukneifen des Auges. Das ist ja die Hölle! Noch nie hatte ich über Minuten hinweg ein Auge zukneifen müssen! Das perfekte monokulare Sehen mit dem rechten Auge, verlangt aber vom passivem linken Auge keinerlei Fetzen an Information und das erreicht man eben nur durch schließen des Auges. Aber nach knapp 5 Minuten zukneifen, kam ich mir vor wie nach einem Schlaganfall! Meine linke Gesichtshälfte hatte schon Lähmungserscheinungen, also wurde fortan mit der linken Hand nicht nur die Kapuze festgehalten, sondern auch das linke Auge zugedrückt.
Kurzzeitig kam mir der Gedanke in den Keller zu gehen und im Faschingskarton nach einer Augenklappe zu suchen. Das hätte aber wiederum bedeutet, dass ich im hellen hätte suchen müssen und die 30 Minuten Dunkeladaption umsonst gewesen wäre. Egal, irgendwie muss es heute so gehen, zumal mein befinden mit vorrückender Stunde ja nicht besser wurde.

Es ist irgendwas um 20 Uhr und so langsam wurde das Bild etwas kontrastreicher, aber nicht so das man meinen könnte eine Galaxie mit Spiralarme sehen zu können. Es war eher so, als ob die Umgebung rund um die Galaxie dunkler wurde. „Erwarten Sie nicht, beim Schauen schon zu sehen“, soll einst William Herschel gesagt haben, „Sehen ist eine Kunst, die erlernt werden muss!“. So langsam glaube ich zu verstehen was er damit gemeint hat.

Nebenbei fiel mir auf das mein eigentlich favorisiertes Okular, dass 20mm Widefield, ungeeignet zum Beobachten von Galaxien sein könnte. Das „billige“ 32mm Plössl zeigte doch etwas mehr an Kontrast. Jetzt stand ich da und konnte mir überlegen ob ich lieber weniger Kontrast, aber dafür ein großes Gesichtsfeld oder lieber mehr Kontrast, aber dafür beengteres Gesichtsfeld in Kauf nehme sollte. Natürlich entschied ich mich für das 20mm Okular mit großen scheinbaren Gesichtsfeld, was sich als Fehler herausstellte.

Später habe ich gelesen, dass die Austrittspupille (AP) beim beobachten von Galaxien, bei etwa 4mm liegen sollte. Bei mir lag diese mit dem 20mm Okular bei etwa 2mm. Das ist eine Größe die eher dazu genutzt wird um Details auszumachen. Ganz klar war ich einem Trugbild aufgesessen, die da lautet: Großes Gesichtsfeld mit großer Vergrößerung bringt große Details. Das ist natürlich völliger Blödsinn, aber so ist das nunmal wenn man mit etwas anfängt von dem man keine Ahnung hat.

War da nicht noch was?

Mittlerweile ist es halb neun und mein Wohlbefinden neigt sich immer mehr in Richtung Totalusfall. Sicherlich trug dazu meine unbequeme Postion bei. Es war so eine Mischung aus nicht ganz stehen, aber auch nicht hocken. Eher so als ob mich die Flatulenz plagen würde, also super unbequem auf jeden Fall. Gelindert wurde meine Pein erst, als ich den Pflanzenhocker als Barhocker missbrauchte.

Jetzt fiel es mir ein! Kein Stift, kein Papier! Ich kann mir nicht mal eine Skizze machen! Jetzt ins Haus gehen, mich vom grellen Licht blenden lassen und nach Bleistift und Papier suchen? Ich denke das ist das letzte was ich in meiner Situation machen würde. Mir fiel aber ein das ich im Schuppen noch Papier und Stift besaß. Also wurde der Balkon verlassen und der Schuppen aufgesucht. Diesen Erreiche bequem über die Außentreppe am Balkon und tatsächlich, da war noch ein Blatt Papier und ein lilafarbener Faserschreiber. Besser als nichts, dachte ich mir.

Zurück am Teleskop versuchte ich mir eine Skizze zurecht zu malen. Muss aber dazu erwähnen, dass es mir bis dato schon richtig elendig ging. Ich werde doch nicht wirklich Krank werden? Eine kurze Skizze musste aber noch drin sein, wenn diese auch eher unter dem Prädikat Malübung in der Kinderkrippe fällt

Das Teleskop wurde dann schnell zusammengepackt und ich verschwand schon um Neun Uhr im Bett. Am nächsten Tag fühlte ich mich wieder wie neu geboren. Eigentlich Topfit. Also setzte ich mich hin und übte mich an einer handgemachten Zeichnung der vergangenen Nacht. Dank meiner „weitschweifigen und detailgenauen“ Skizze und meiner akribischen Beobachtung unter zweihundertfacher Vergrößerung, entstand nach ein paar Minuten folgendes Bild.

Ein grandioses Meisterwerk wie ich finde. Ganz deutlich sind die Spiralarme und der detailreiche Kern der Galaxie zu erkennen. Nein, Spaß beiseite. Es ist grottig. Dennoch war ich überrascht welche Details ich abseits der Galaxie erkennen konnte. Wie zum Beispiel den Doppelstern am oberen linken Bildrand, welcher unter Stellarium den Namen HIP 48639 trägt und eine visuelle Helligkeit von 9,1 mag Aufweist.

Ansonsten war die Nacht leider viel zu kurz und meine Ausrüstung an Okularen eher nicht das gelbe vom Ei. Dennoch kann ich dem ganzen visuellen Gedöns etwas abgewinnen.

Mein Fazit

In den Phasen in denen alles gut lief, also den knapp 15 Minuten, konnte ich doch etwas sehr meditatives in der Beobachtung erkennen. Ein Gefühl von Live dabei zu sein machte sich in mir breit. Das ist natürlich mit der Astrofotgrafie nicht zu vergleichen! Während man bei dem einem sehr technisch unterwegs ist, ist das andere eher eine besinnliche Reise zu einer Zeit in der das reine Beobachten die einzige Möglichkeit der Astronomie war.

Man hört es mir sicherlich an, es hat sich in mir doch tatsächlich eine kleine Schwärmerei für die optische Fernerkundung breit gemacht. Bevor es aber jetzt zu philosophisch wird, beende ich mein Fazit lieber mit folgendem Satz:
Ich hoffe das mein nächster Ausflug gesünder und nicht so planlos vonstatten geht und das ich bis dahin meine Gartensternwarte schon fertig und mein Okularbestand ein wenig aufgepäppelte habe.

CS, Dimi

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